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Interview: Theodor Matschewsky - Die Sache mit der Spitze

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Aus aktuellem Anlass haben wir dem Rutenbauer und Spezialisten in Sachen Solitip – Theo Matschewsky – einige Fragen zu seinem Spezialgebiet gestellt und wollen Euch seine Antworten nicht vorenthalten. Aktueller Anlass heißt in diesem Falle, die fünfte Rute aus unseren Reihen wurde in den letzen Tagen zu ihm in die Werkstatt geschickt.

 

Bisher hat er für uns eine Evergreen Quad Twister, eine Steez Machineguncast Typ II, eine Daiwa Zillion und eine Guideline LeCie #6 (Fliegenrute) repariert, bzw. getuned. Diesmal handelt es sich um eine EdgeMaster. Eine Spinnrute der renommierten, japanischen Firma von Kazumasa Okumura  – DEPS. Der dazugehörige Bericht folgt nach einer längeren Testphase der Rute. Zunächst einmal herzlich Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast,um mit uns dieses Gespräch zu führen.Ich will kurz erläutern, wie ich vor einigen Jahren auf Dich aufmerksam geworden bin. Dein Namensvetter, Theodor Atanassov, ein langjähriger Freund, Fliegenbinder und Fliegenfischer, hatte mich nach einer der ersten EWF angerufen und berichtete mir von einer Zitat: »tollen Sache«. Er habe einen Rutenbauer kennen gelernt, der es vermag, die exakte Rutenklasse und damit das erforderliche Schnurgewicht zu spezifizieren, welches ein optimales Aufladen der Rute gewährleistet. Das ist in sofern interessant und sehr nützlich, als dass die wenigsten Hersteller korrekte Angaben zu ihren Ruten machen. Klasse #4 steht auf dem Blank, das heißt aber noch gar nichts! In vielen Fällen benötigt man zum korrekten Aufladen der Rute eben nicht die passende #4 Keulenschnur sondern oft schwerere Schnüre. Auch Klassenangaben von z.B. #4 bis #6 sind völlig unbrauchbar. Deine Vermessungsmethode beurteilt die Rute nach dem Taper und dem korrekten Schnurgewicht. Im Ergebnis heißt das, man erhält von Dir die genaue Schnurklasse der vermessenen Rute und hat von Anfang an die richtige Schnurklasse. Des weiteren verbaust Du in Deinen Ruten Vollkarbonspitzen, die so genante Solitip. Du beeinflusst damit im wesentlichen die Spitzenaktion der Ruten. Wie sich das auswirkt, wollen wir im folgenden klären. Aber jetzt lass ich Dich mal zu Wort kommen.

 

Pike-Patrol:

Hallo Theo, da haben wir mal wieder ein gemeinsames Projekt, was mich ganz besonders freut. Ich weiß, dass Du momentan extrem ausgelastet bist, um so mehr freut es mich, dass Du uns einen Einblick in Dein Fachgebiet geben möchtest.

Theo:

Mach ich gerne, und nachdem ich mich doch so langsam aus dem Geschäft meiner Frau herausziehe (Restaurace Mamka) habe ich doch wieder ein wenig mehr Zeit. Das war, bin ich, der fischenden Gemeinde nach den letzten Monaten irgendwie schuldig.

Pike-Patrol:

Wie bist Du zum Rutenbau gekommen und wie entwickelte sich daraus die Methode des Vermessens?

Theo:

Zum Rutenbau bin ich in schon ganz jungen Jahren gekommen, oder zumindest zu den Anfängen. Mein Vater baute damals (ich war so um die 6 Jahre alt) Ruten für den Castingsport und immer wieder brauchte er mich beim Griffschleifen. Mit übergroßen Stoffhand – um die Reibungswärme zu reduzieren in den Händen, musste ich den Rutenblank halten, der eingespannt war in der Bohrmaschine während mein Vater den Griff auf Form schliff. Ich schwor mir damals, dass ich etwas erfinden würde wenn ich groß bin damit niemand mehr die Rute beim Griff schleifen halten musste. Das hab ich dann auch später.

Mit 16 hab ich dann meine erste eigene Castingrute selbst gebaut, zwar noch mit Anleitung meines Vaters, aber das meiste hatte ich mir eh schon abgekuckt gehabt. Mit 18 (also 1979) baute ich dann die Fliegenrute (damals schon mit Solitip) mit der ich mehrfach Weltrekord warf. 1984 übernahm ich den Vertrieb von 3M Flugschnüren und 1985 ergänzte ich das Programm mit eigenen Fliegenruten – Solitip.

Ziemlich bald lernte ich bei Messen Ludwig Reim kennen, ein Entwicklungsingenieur, der beweisen wollte, dass sein patentierten Gespließten „Oktavia“ mit 100% Kraftfaseranteil eine höhere Rückstellkraft hatten als herkömmliche Gespließte. Dazu verwendete er eine eigens konstruierte Apparatur, die mit Sonden die Geschwindigkeit feststellte die eine Rute unter Belastung der jeweiligen Schnurklasse aus der 15° Auslenkung benötigt. Je kürzer die Zeit desto schneller die Rute.

Pike-Patrol:

Was kann man sich unter dem Bergriff vermessen bildlich vorstellen und wie funktioniert das?

Theo:

Vorab, es werden nur die Eigenschaften einer Rute festgestellt, nicht das was man mit der Rute machen kann. Also es geht einzig und allein um das, was die Rute mechanisch kann. Das muss man verstehen.

Es geht also darum, die Rückstellkraft festzustellen. Die Methode ist relativ einfach. Zuerst wird die Rute horizontal fixiert und mit Gewichten an der Spitze belastet bis sie sich auf ¼ der 15° Auslenkung biegt. ¼ ist eine fixe Größe aus der Statik worauf ich jetzt nicht weiter eingehen möchte.

Der 2. Schritt ist die Auslenkung auf die 15° - also einer Biegung, die bei einem durchschnittlichen Wurf entsteht. 15° wurde in zahlreichen Fotos analysiert und als Standardwert festgelegt.

Die beiden benötigten Gewichte werden dann für die Berechnung hergenommen und einfach das größere Gewicht durch das kleinere geteilt. Dann kommt ein Faktor heraus, der meist über 4 liegt und je höher der Faktor ist desto spitzenbetonter ist die Rute. Beim Vergleich der Ergebnisse aus der Elektronischen Messung mit meiner stellte sich eine eindeutige Übereinstimmung heraus. Es ist also keine elektronische Apparatur nötig, aber nach wie vor bleibt Ludwig Reim der Erfinder dieser Methode!

Pike-Patrol:

Wann kam die Vollkarbonspitze zum Einsatz und wie lange hat es gedauert, bis du sie erfolgreich verbauen konntest?

Theo:

Das hatte ich schon kurz angesprochen, 1979 in den ersten Castingruten, wobei es unter anderem darum ging, dass bei einer Disziplin mit der selben Rute zuerst auf relativ nahe Ziel beworfen werden musste und anschließend Weitwürfe zu absolvieren waren. Steife Ruten waren damals zwar perfekt zum Weitwurf, aber nachteilig für die Zielwürfe und umgekehrt. Mit der Solitip wurde dieses Manko beseitigt. Aus der Spitze heraus konnten die Ziele genau getroffen werden und das steife Rückgrad der Rute ermöglichte trotzdem enorme Weiten. Die Solitip zaubert zudem noch die extrem enge Schlaufe bei den Weitwürfen, was letztendlich die nötigen Zentimeter mehr brachten. In Fliegenruten hielt Solitip Mitte der 80er Jahre Einzug.

Pike-Patrol:

Worin liegt der Vorteil der Vollkarbonspitze zur herkömmlich Hohlspitze?

Theo:

Sie startet die Aktion der Rute bereits bei geringer Belastung und ermöglicht Würfe auf kürzester Distanz, da die Rute bereits zu arbeiten beginnt, während herkömmliche Ruten da einfach noch zu steif bleiben. Solitip haben sich übrigens auch beim Tarponfischen bestens bewährt, beim Speed Casting. Da geht es darum aus der Warteposition (nur 2-3 Meter Schnur hängen aus der Spitze) mit möglichst wenigen Leerwürfen die Schnur auf Distanz zu bringen.

Pike-Patrol:

Du nennst es Solitip TUNING, man muss also nicht warten, bis einem die Spitze mal »zufällig« abbricht?

Theo:

Interessante Frage, und doch etwas kompliziert. Es gibt eine ständig wachsende Gemeinde, die ihre Ruten tatsächlich einer nach der anderen umbauen lassen, das war bereits in den 90er Jahren so und ist jetzt, nachdem ich wieder 2008 eingestiegen bin, ebenso. Manche schreckt allerdings der vermeintliche Verlust der versprochenen Garantie des Herstellers ab. Immer mehr erkennen aber die Vorteile der Solitip und die deutliche Verbesserung ist Grund genug es zu tun. Warum sollte man auch eine Rute fischen, wie sie is,t nur um die Garantie zu erhalten (vielleicht), wenn man mit einer perfekt getunten Rute höchsten Wurf- und Drillkomfort hätte? Eine Frage, die jeder selbst für sich beantworten muss.

Pike-Patrol:

Welche Ruten lassen sich tunen und beschränkt sich das eher auf Fliegenruten. Wie müssen die Voraussetzungen geschaffen sein?

Theo:

Man kann jede Rute Solitip tunen, nicht nur Fliegenruten. Das Solitip Tuning verfeinert die Aktion bei jeder Art von Ruten für den Wurf aber auch im Drill.

Pike-Patrol:

Du sprachst vor ein paar Tagen von einer verbesserten Technik, bezüglich der Verbindung von Blank zur Vollkarbonspitze. Kannst schon was dazu sagen?

Theo:

Ganz zu Anfang wurde der Übergang von Hohlteil zur Solitp durch Überschieben eines passenden Blankteil verstärkt, das ergab eine relativ starke Verdickung. Anfang der 90er Jahre habe ich dann die Solitip ca 5-8 cm schräg angeschliffen und ebenso das Hohlteil. Dann wurden die beiden Teile miteinander verklebt und mit Kohlefaser bandagiert. Eine äußerst schwierige Methode, da die Winkel genau stimmen mussten, damit die Spitze auch gerade in der Flucht stand am Ende.

2008 bin ich zuerst zu der „alten Methode“ zurückgekehrt und dann den Übergang von „Zapfen“ zur Solitip so weit wie möglich in den Hohlteil eingearbeitet. Der Übergang wurde dann mit Kohlefaserfaden bandagiert.Es zeigte sich allerdings, dass sich nach gewisser Zeit der Beanspruchung das Ende des Hohlteils durch die Lackierung „arbeitete“ und um den Blank ein Haarriss entstand. Das ist zwar nur ein optischer Mangel – zumindest in den meisten Fällen – aber eben nicht perfekt.

Heute wird der Übergang durch Aufbringen eines speziell gefertigten Kohlfaserschlauches verstärkt und abschließend mit Kohlefaserfaden bandagiert. Das bringt gleichzeitig 2 Vorteile: Die Haltbarkeit wird erhöht und es bilden sich keine Haarrisse mehr. Der Auftrag in der Dicke ist so gering, das man es nicht wahrnimmt, wenn man es nicht weiss. In der Aktion hat es keine Bedeutung (Versteifung), da das Material flexibel ist, aber doch eine hohe Querstabilität hat.

Pike-Patrol:

Was kostet eine solches Tuning im Durchschnitt und mit welcher Reparaturzeit sollte man rechnen?

Theo:

Der Aufwand ist natürlich etwas größer als bei der „nur“ Bandage. Eine Pauschale von 129,00 ist – denke ich zumindest – gerechtfertigt, zumal da noch 19% MWSt drinstecken.

Pike-Patrol:

Wir bedanken uns für das Gespräch. Ein Bericht für die Jig&Jerk ist in Arbeit, darin finden sich weitere Details zu Theodor Matschewsky und dem SoliTip.

Theo:

Danke dir ebenfalls Rainer.

Weiterführender Link:  www.solitip.de

 
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